Entstehung

Übersicht

Die erste Tagung im Jahr 2000

„Die Würde der Frau ist antastbar – Handel mit osteuropäischen Frauen“ war der Titel einer Seminartagung, die im Januar 2000 von Renovabis, der Solidaritätsaktion der deutschen Katholiken mit den Menschen in Mittel- und Osteuropa, und dem Kardinal-Döpfner-Haus, dem Bildungszentrum der Erzdiözese München und Freising, veranstaltet wurde. Bei dieser Tagung auf dem Freisinger Domberg entstand die Initiative für ein „Aktionsbündnis gegen Frauenhandel“ im bayerischen Raum.

Hintergrund des Tagungsthemas war natürlich der sprunghafte Anstieg des Handels mit Frauen aus Osteuropa seit dem „Fall des Eisernen Vorhangs“ und dem Zusammenbruch der kommunistischen Systeme in den Jahren 1989 bis 1991. Durch die (weitgehend) friedlichen Revolutionen dieser Jahre waren die Grenzen zwischen Ost und West durchlässig geworden. So sehr die neu gewonnene Freiheit allenthalben und zu Recht begrüßt wurde, und so dynamisch sich auch die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Transformationsprozesse der osteuropäischen Gesellschaften gestalteten – es gab (und gibt) auch deutliche Schattenseiten dieser Entwicklungen.

Rund zehn Jahre nach dem Fall der scheinbar unüberwindlichen innereuropäischen Grenzen machte die Tagung in Freising diesen skandalösen Frauenhandel, den Verkauf von Frauen in die Zwangsprostitution ausdrücklich zum Thema. Eine Gruppe von Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Tagung, überwiegend Vertreterinnen und Vertreter von Organisationen und Verbänden aus dem kirchlichen Bereich, beschloss darauf hin, sich in einem „Aktionsbündnis gegen Frauenhandel“ zu vernetzen und künftig gemeinsam an der Thematik weiter zu arbeiten.

So wurde schon im darauf folgenden Jahr, am 16./17. Februar 2001, eine zweite einschlägige Tagung durchgeführt, die den ersten Tagungstitel wieder aufnahm: „Die Würde der Frau ist antastbar – Das Geschäft boomt:Handel mit osteuropäischen Frauen“. Als Veranstalter fungierte nun bereits das „Aktionsbündnis gegen Frauenhandel“, gemeinsam mit Renovabis (Wolfgang Gerstner/Barbara Breher) und dem Kardinal-Döpfner-Haus (Jochen Töller).

Das Netzwerk etabliert sich

Es entstand ein erster Informationsflyer, in dem das Bündnis sich vorstellte und den Hintergrund seines Engagements erklärte. Darin hieß es unter anderem: „Frauenhandel ist eine Form moderner Sklaverei. Bis zu 500.000 Frauen sind allein in Westeuropa davon betroffen. Seit 1989 sind vor allem Frauen aus mittel- und osteuropäischen Ländern die Opfer. In der Hoffnung auf Lebensunterhalt durch Migration werden die meisten von ihnen unter falschen Versprechungen in die Länder Westeuropas gelockt. Gewalt, Machtmissbrauch und Ausbeutung, in den meisten Fällen unter Beraubung der persönlichen Freiheit und der sexuellen Integrität, sind Kennzeichen des äußerst gewinnträchtigen Geschäfts mit der ‚Handelsware Frau’.“ Der Flyer – mit Stand vom 3. Mai 2001 – weist bereits 16 mitarbeitende Organisationen und Ansprechpartner/innen des Aktionsbündnisses auf. Durch Informations-, Öffentlichkeits- und Lobbyarbeit solle eine „Sensibilisierung für das Problem des Frauenhandels im kirchlichen und nichtkirchlichen Bereich“ erreicht werden, heißt es in dem Flyer zu den Aufgaben und Zielen des Bündnisses. Dazu wolle man sich gegenseitig informieren, unterstützen und vernetzen – und auch grenzüberschreitende Zusammenarbeit ins Auge fassen. Die ökumenische Ausrichtung des neuen Netzwerks verstand sich wie von selbst, ebenso die Kooperation mit nichtkirchlichen Organisationen, das Bündnis war (und ist) jedoch auf den Freistaat Bayern begrenzt. Der erste Info-Flyer führte folgende Mitglieder auf:

Koordinierungskreis und Vollversammlung

Einige der Gründungsmitglieder machten sich natürlich auch Gedanken darüber, ob und wie man das Engagement des neuen Aktionsbündnisses stärker koordinieren und strukturieren könnte. So gab es im Nachgang der Freisinger Tagung vom 16./17. Februar 2001 Überlegungen und auch konkrete Vorstöße, eine Art geschäftsführender Projektstelle für das Aktionsbündnis gegen Frauenhandel einzurichten. Entsprechende Anträge (von Bündnismitgliedern, namentlich von Sr. Lea Ackermann/SOLWODI), die sich zunächst an die Bayerische Bischofskonferenz, dann aber auch an Renovabis richteten, eine solche Stelle zeitweilig oder dauerhaft zu finanzieren, mussten von den Angefragten aus budgetären Gründen abschlägig beschieden werden; Renovabis hätte allenfalls – so der damalige Geschäftsführer P. Eugen Hillengass SJ – eine Anschubfinanzierung leisten können. Im Laufe des Jahres 2001 wurde deutlich, dass die Idee einer koordinierenden Geschäftsstelle des Aktionsbündnisses kaum realisierbar sein würde. In der ersten Jahreshälfte 2002 übernahm darauf hin eine kleine Gruppe von Bündnis-Mitgliedern die Aufgabe, die weitere Arbeit des Netzwerks zu gestalten und konstituierte sich am 27. Juni 2002 als „Koordinierungskreis des Aktionsbündnisses gegen Frauenhandel“. Den Kern dieses Kreises bildeten zunächst Vertreter/ innen von JADWIGA (Monika Cissek-Evans), Sozialdienst katholischer Frauen (Lydia Halbhuber-Gaßner), SOLWODI (Renate Hofmann), Renovabis (Burkhard Haneke/Barbara Breher), Frauenseelsorge des Erzbistums München und Freising (Wiltrud Huml) und Inge Bell, (TV-Journalistin BR). Noch im Sommer konnte der Koordinierungskreis zu einem „Expertengespräch Öffentlichkeitsarbeit“ (18. September 2002) einladen, bei dem mit PR-Fachleuten über öffentlichkeitswirksame Maßnahmen des Bündnisses beraten wurde – ein Gespräch, an dem u. a. Vertreter/innen des Bayerischen Rundfunks, der Süddeutschen Zeitung und der Katholischen Nachrichten Agentur teilnahmen. Über erste Ideen und Anregungen aus dieser ÖA-Runde berichtete der Koordinierungskreis in der Vollversammlung des „Aktionsbündnisses gegen Frauenhandel“ im Oktober 2002. In den Folgejahren – und bis heute – traf und trifft sich das Aktionsbündnis jeweils ein Mal in der ersten und in der zweiten Jahreshälfte zu solchen Vollversammlungen, bei denen die Mitgliedsorganisationen über ihre Aktivitäten berichten, Informationen zum Thema „Frauenhandel und Zwangsprostitution“ austauschen und gemeinsame Vorhaben besprechen. Bei der Vollversammlung am 10. Oktober 2002 wurde auch beschlossen, die Informationsarbeit des Aktionsbündnisses zu intensivieren, Medien-Kooperationen anzustreben, eine eigene Homepage zu erstellen und den ersten Bündnis-Flyer in Verbindung mit einer eigenen Text-Bild-Marke zu aktualisieren. Renovabis konnte die dafür erforderliche technische und personelle Unterstützung zusagen, und übernahm seitdem – aufgrund der spezifischen Osteuropa-Ausrichtung des Aktionsbündnisses – auch die büroorganisatorischen Arbeiten des Netzwerks. Die Frauenseelsorge im Erzbistum München und Freising wiederum konnte ganz wesentlich die logistischen Voraussetzungen für die regelmäßigen Treffen der Vollversammlung und des Koordinierungskreises sicherstellen. (einen aktuellen Überblick über die heutigen Mitgliedsorganisationen finden Sie auf der Seite Mitglieder)

Kooperation mit der Hanns-Seidel-Stiftung

In der ersten Jahreshälfte 2003 wurden erste Kontakte mit der Hanns-Seidel-Stiftung – vermittelt durch deren Stellvertretende Vorsitzende, die Landtagsabgeordnete Prof. Ursula Männle – aufgenommen. Schon als Mitverantwortliche für die katholische Organisation „In Via Bayern“ hatte sich Frau Männle immer wieder mit der Problematik des Frauenhandels und der Zwangsprostitution auseinandergesetzt. Die Kooperationsanfrage des Aktionsbündnisses – über Renovabis – an die Hanns-Seidel-Stiftung wurde daher sehr wohlwollend aufgenommen und eine Zusammenarbeit in Form gemeinsamer Fachtagungen ins Auge gefasst. Mit der zuständigen Referentin der „Akademie für Politik und Zeitgeschehen“ der Stiftung Dr. Gisela Schmirber begannen im Sommer 2003 Planungsgespräche für die erste Kooperationstagung, die am 8. März 2004 – dem „Weltfrauentag“ – im Münchner Konferenzzentrum der Hanns-Seidel-Stiftung stattfand. Das Thema der Tagung lautete: „Stopp dem Frauenhandel! Brennpunkt Osteuropa“. Die Veranstalter, das „Aktionsbündnis gegen Frauenhandel“, Renovabis und die Hanns-Seidel-Stiftung, waren über das enorme Interesse an dieser Tagung, insbesondere aus Multiplikatorenkreisen mit besonderer Nähe zum Tagungsthema, überrascht. Mehr als 200 Teilnehmer/innen wurden registriert, so dass der Entschluss nicht schwer fiel, Veranstaltungen dieser Art regelmäßig zu wiederholen. Dafür sollte – möglichst – jeweils der „Weltfrauentag“ als Termin gewählt werden, und die Tagungen sollten abwechselnd in allen großen bayerischen Städten durchgeführt werden. So fanden die Folgeveranstaltungen (ebenfalls mit großer Resonanz und zum Teil in Kooperation mit dem Kolping-Landesverband Bayern 2005 in Nürnberg, 2006 in Augsburg, 2007 in Regensburg, 2008 in Würzburg und 2009 wiederum in München statt. Auch die Jubiläumsveranstaltung zum 10-jährigen Bestehen des Aktionsbündnisses wurde – am 8. März 2010 – im Konferenzzentrum der Seidel-Stiftung in München durchgeführt. Für das Jahr 2011 ist Passau als Tagungsort ausgewählt worden. (Einen Überblick über die Themen und Schwerpunkten der Fachtagungen finden Sie auf der Seite Fachtagungen; seit 2006 wurden die Tagungen seitens der Stiftung von Paula Bodensteiner mitbetreut, ab 2012 ist Dr. Susanne Schmid zuständig.) Das Konzept dieser großen öffentlichen Tagungen hat sich – wenngleich die Ablaufplanungen immer wieder mal „nachjustiert“ wurden – insgesamt als sehr erfolgreich erwiesen. Bei unterschiedlich großem Medieninteresse gelang es doch regelmäßig, an die „richtigen Leute“ zu kommen, das heißt, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer kamen aus wichtigen Zielgruppen-Bereichen, aus der Justiz und von der Polizei, von Sozial- und Beratungseinrichtungen, von kirchlichen Organisationen und – last not least – aus der Politik. Denn von diesen Fachtagungen sollten natürlich auch Impulse in den politischen Raum ausgehen, weswegen stets versucht wurde, möglichst politische Entscheidungsträger/innen in die Programme mit einzubeziehen. War schon dies ein Stück Lobbyarbeit in Richtung Politik, so wurden auch unmittelbare Kontakte zu politischen Repräsentanten gesucht, beispielsweise bei einem Termin einiger Vertreterinnen des Aktionsbündnisses am 19. Oktober 2004 im Bayerischen Landtag (u. a. mit MdL Markus Sackmann). Dankenswerterweise hat die Hanns-Seidel-Stiftung bereits drei der insgesamt inzwischen sieben gemeinsamen Fachtagungen in den POLITISCHEN STUDIEN, ihrer Zweimonatsschrift für Politik und Zeitgeschehen, dokumentiert und so für eine breite Streuung der Tagungsergebnisse gesorgt.

Präsenz im Netz – www.gegenfrauenhandel.de

Die Arbeiten für den ersten Web-Auftritt des Aktionsbündnisses konnten noch im Laufe des Jahres 2003 abgeschlossen werden. Die wesentliche inhaltliche Arbeit leisteten Inge Bell und Ales Pickar, die graphische und technische Umsetzung lag bei Daniela Schulz/ Renovabis. Am 3. Dezember 2003 wurde die neue Internetseite ins Netz gestellt und zwischenzeitlich immer wieder überarbeitet und aktualisiert. Die Seite stellt unter www.gegenfrauenhandel.de Fakten über Zwangsprostitution und Frauenhandel im World Wide Web bereit, außerdem Zusammenfassungen und Beiträge aus den Fachtagungen, Literaturhinweise und Filmtipps. Ziel ist jedoch nicht nur Informationsvermittlung, sondern es geht auch darum, dass die Mitgliedsorganisationen des Aktionsbündnisses ansprechbar sind. Dass dies gefragt ist, zeigt sich immer wieder und in den letzten Jahren auch mit steigender Tendenz. So gibt es immer wieder Anfragen von Interessierten, zum Beispiel Studenten und Schüler, die sich mit dem Frauenhandelsthema auseinandersetzen und nach weiteren Informationen suchen. Journalisten recherchieren über das Aktionsbündnis nach Gesprächspartnern für Interviews oder Hintergrundinformationen. Und schließlich melden sich auch Bürgerinnen und Bürger, die in ihrem Wohnort etwas Auffälliges beobachten, dass sie in Zusammenhang mit Frauenhandel bringen und wissen möchten, an wen sie sich am diesbezüglich melden können. Auch Freier, die den Eindruck haben, dass Prostituierte ihrer Tätigkeit nicht freiwillig nachgehen, fragen über die Webseite nach Handlungsmöglichkeiten. Hier fungiert das Aktionsbündnis dann als Vermittler an die mitwirkenden Beratungsstellen von SOLWODI und JADWIGA.

„Wir machen weiter!“

Zehn Jahre sind natürlich keine lange Zeit. Das wissen auch die Mitgliedsorganisationen des „Aktionsbündnisses gegen Frauenhandel“ in Bayern. Aber zehn Jahre des gemeinsamen Engagements gegen Zwangsprostitution und Frauenhandel machen Mut. Mut zum Weitermachen. Denn ein Netzwerk, das – sozusagen ohne jeden strukturellen Unterbau – allein durch die Überzeugung zusammengehalten wird, gemeinsam an einer wichtigen Aufgabe zu arbeiten, das kann – und das darf – sich sehen lassen. Und es will ja auch von möglichst Vielen „gesehen“ werden. Damit diese Vielen dann ebenso überzeugt wie die Mitglieder des „Aktionsbündnisses gegen Frauenhandel“ den Kampf aufnehmen gegen eines der abscheulichsten Verbrechen unserer Zeit.

Für den Koordinierungskreis des „Aktionsbündnisses gegen Frauenhandel“ Burkhard Haneke, Renovabis-Geschäftsführer, im Dezember 2010

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