Was ist Frauenhandel?

Definition des Aktionsbündnisses gegen Frauenhandel:

Als Frauenhandel bezeichnet man das Anwerben, Entführen oder Verschleppen von Frauen aus ihren Heimatländern, um diese zumeist im Ausland mit Hilfe von Gewalt, Bedrohung oder Drogen für sexuelle Handlungen zu missbrauchen. Dazu zählen in erster Linien die Zwangsprostitution, das Geschäft mit Stripteasetänzerinnen und Kinderpornografie, sowie Formen des Ehehandels.

Im wissenschaftlichen Diskurs wird die Definition von Frauenhandel oftmals ausgeweitet: Von Frauenhandel wird also nicht nur in Bezug auf die sexuelle Ausbeutung der Frau, sondern generell auf die Ausbeutung ihrer Arbeitskraft, z. B. im Bereich Hausarbeits- und Gastgewerbe, gesprochen.

Auszüge aus: Jürgen Nautz und Birgit Sauer (Hg.): Frauenhandel. Diskurse und Praktiken

Frauenhandel

„Die Deutungen, was Frauenhandel ist, sind nicht eindeutig, sondern extrem widersprüchlich, aber auch konvergierend. Lange Jahre wurde in Europa Frauenhandel als illegaler Grenzübertritt diskursiv gerahmt. Die Frauen hielten sich, so die Sichtweise, illegal in den jeweiligen Ländern auf und verstießen damit gegen Aufenthaltsgesetze. Dieses framing implizierte die politische Lösung des Problems, indem Frauen als Täterinnen abgeschoben werden.

Ein weiterer frame in der Debatte ist der Zusammenhang von Frauenhandel und Prostitution. Hartnäckig und schon lange hält sich die Legende, dass Frauenhandel Handel in die Prostitution sei. Richtig daran ist, dass die meisten gehandelten Frauen in der Sexarbeit landen. Aber daneben gibt es genügend andere prekäre, ungeschützte Arbeitsmärkte für Hausarbeit und Ehe, Bau- und Gastgewerbe, aber auch Bettelei, in die Frauen – auch Männer und Kinder – zum Zwecke der Ausbeutung ihrer Arbeitskraft gehandelt werden. Eine solch weite Definition von Frauenhandel ist inzwischen internationaler Standard.“ (S. 12f)

Hintergründe

„Dass Frauen- und Menschenhandel in der vergangenen Dekade zu einem einträglichen Geschäft wurden – wiederum geschätzt wird davon ausgegangen, dass damit höhere Gewinne als mit illegalen Waffen- und Drogenhandel erzielt werden können – liegt an den globalen, vor allem aber auch europäischen Veränderungen des vergangenen Jahrzehnts: Der Zusammenbruch des Staatssozialismus und die ökonomischen Entgrenzungsbewegungen im Kontext der Globalisierung führten zu dramatischen ökonomischen und sozialen Verschiebungen und Verwerfungen in allen Regionen der Welt. In Südost- und Mitteleuropa führte die ökonomische Transformation der einst staatssozialistischen Länder zu einer Verschärfung des Armutsgefälles von »West« nach »Ost«. Dies ließ einen Wunsch bzw. »Zwang« auszuwandern entstehen. Zu diesen Push-Faktoren treten Pull-Faktoren für den Menschenhandel hinzu: Der neoliberale Umbau in den Ländern Westeuropas und die Neuordnung von Arbeit, die Deregulierung von Arbeitsmärkten führte zu einer gestiegenen Nachfrage nach ungesicherten Arbeitskräften. Die Marktintegration Europas führte auf der anderen Seite aber auch zu Neubegrenzungen, d. h. zur Schließung der Schengengrenzen und zur Reduktion von Arbeitsmigration in die Europäische Union, wird doch die Realisierung des Migrationsbedarfs nach Europa durch die Abschließung der Grenzen EU-Europas immer schwieriger. Vielfach sind Grenzübertritte in den EU-Raum nur noch auf nicht legalem Wege, durch die Vermittlung von Schleppern, möglich. Diese Abhängigkeit von Menschen aber ist eine Struktur für Gewalt durch Handel mit Menschen.“ (S. 12)

Opfer und Täter

„Übereinstimmend steht in Europa inzwischen der Schutz der Opfer im Zentrum.“ Aus dieser Sicht ist Frauenhandel nicht nur „in dem Sinne kriminell, dass Händler aus illegalen Geschäften Profit erzielen, dass gehandelte Frauen sich illegal in Westeuropa aufhalten, sondern weil Frauenhandel eine Verletzung der Menschenrechte von Frauen darstellt. Die Opfer von Frauenhandel leben und arbeiten unter menschenverachtenden Bedingungen. Sie werden nicht nur ihrer Freiheit, sondern auch ihrer Arbeitskraft, ihres Mutes und ihres Selbstwertgefühls systematisch beraubt.“ (S. 13; S. 12)

„Über die Täter und ihre Arbeitsweise ist vergleichsweise wenig bekannt. Sicher ist, dass wir es mit international agierenden kriminellen Netzwerken zu tun haben, die – wie andere ökonomische Netzwerke auch – ihren Profit mit »Waren«-Handel zu mehren suchen, allerdings mit menschlichen »Waren«. Sie agieren deshalb in einem illegalen bzw. rechtlich nicht regulierten Raum und mit Mitteln, die die Menschenrechte anderer Personen systematisch verletzen. Der Frauenhandelsprozess funktioniert nach den Regeln und Prinzipien klassischer Netzwerke mit undeutlichem Zentrum und einer vernetzten Peripherie vergleichsweise »unbeteiligter« Personen von Hoteliers bis Taxifahrern.“ (S. 11f)

Frauenhandel in Zahlen

„Die Datenlage in Bezug auf Menschen- und Frauenhandel ist denkbar schlecht und bewegt sich vielfach im Bereich der Spekulation. Dies liegt zum einen daran, dass kriminelle ökonomische Netzwerke selbstredend ihre Bücher nicht offenlegen, dass aber auch Polizeistatistiken höchstens die Spitze des Eisberges in Zahlen ausdrücken können, wird doch Menschenhandel nur in den seltensten Fällen aufgedeckt. Auch die Zahl von gehandelten Frauen, die mit der Polizei und mit Opferschutzeinrichtungen in Kontakt kommen, ist gering verglichen mit den vermuteten Zahlen von Opfern weltweit.“ „Schätzungen gehen von 700.000 bis 2.000.000 gehandelten Personen jährlich aus, der größte Teil davon Frauen und Kinder. Die wichtigsten Herkunftsländer der gehandelten Frauen in Europa sind Moldawien, Ukraine, Weißrussland sowie Rumänien und Bulgarien, die bedeutendsten Zielorte im Westen Europas sind Deutschland, die Niederlande und Großbritannien.“ (S. 12)

Frauenhandel. Diskurse und Praktiken. Transkulturelle Perspektiven, Band 6, hrsg. v. Jürgen Nautz, Birgit Sauer, 1. Auflage 2008, V&R unipress, 187 Seiten, kartoniert, ISBN 978-3-89971-317-6, 28,90 €

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