Fachtagung 2026

Fachtagung der Akademie für Politik und Zeitgeschehen der Hanns-Seidel-Stiftung in Kooperation mit dem Aktionsbündnis gegen Frauenhandel und der Solidaritätsaktion Renovabis im Konferenzzentrum der Hanns-Seidel-Stiftung, München

„MACHT. GEWALT. KÖRPER. Worüber beim Thema Prostitution nicht gesprochen wird“

Fachtagung am 20. Oktober 2026

Tagungsbericht

Welche Machtverhältnisse prägen Prostitution? Welche körperlichen und psychischen Folgen tragen die betroffenen Frauen? Und warum bleiben selbst Tötungsdelikte häufig am Rand der öffentlichen Wahrnehmung? Mit diesen Fragen beschäftigte sich am 20. Oktober 2026 die Fachtagung „MACHT. GEWALT. KÖRPER. Worüber beim Thema Prostitution nicht gesprochen wird“ im Konferenzzentrum der Hanns-Seidel-Stiftung in München. Die Hanns-Seidel-Stiftung veranstaltete die Tagung gemeinsam mit dem Aktionsbündnis gegen Frauenhandel und Renovabis. Das Programm verband wissenschaftliche Analysen mit Erfahrungen aus Bildungsarbeit, Medizin und Forschung. Nach drei Impulsvorträgen am Vormittag konnten die rund 85 Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Themen am Nachmittag in Foren vertiefen. Die musikalische Begleitung übernahm Lena Kramer am ePiano.

Grußworte

Menschenhandel verletzt Würde und Selbstbestimmung

Susanne Breit-Keßler, stellvertretende Vorsitzende der Hanns-Seidel-Stiftung und Vorsitzende des Bayerischen Ethikrats, eröffnete die Tagung. Sie erinnerte an die seit mehr als zwei Jahrzehnten bestehende Zusammenarbeit zwischen der Stiftung, Renovabis und dem Aktionsbündnis gegen Frauenhandel. Die Kooperation wolle Fachleute, Interessierte und Betroffene miteinander ins Gespräch bringen, zugleich aber auch öffentliche Aufmerksamkeit für ein Thema schaffen, das sich häufig im Verborgenen abspiele. Menschenhandel entziehe einem Menschen seinen Status als Person, so Susanne Breit-Keßler. Frauen würden zu einer Ware degradiert, deren Wert sich nach Angebot und Nachfrage richte. Sie bezeichnete Menschenhandel als moderne Form der Sklaverei und als schwere Menschenrechtsverletzung, die mitten in der Gesellschaft stattfinde. Da Täter und kriminelle Netzwerke grenzüberschreitend agierten, brauche es eine enge Zusammenarbeit auf nationaler und europäischer Ebene. Strafrechtliche Maßnahmen allein reichten jedoch nicht aus. Ebenso notwendig seien Aufklärung und eine öffentliche Debatte über die gesellschaftlichen Bedingungen, die Ausbeutung und Zwangsprostitution begünstigen.

In einem Videogrußwort schilderte die Bayerische Staatsministerin für Familie, Arbeit und Soziales Ulrike Scharf, wie Menschenhändler wirtschaftliche Not, die Hoffnung auf ein besseres Leben oder die Sehnsucht nach Zuneigung ausnutzen. Sie verwies auf bayerische Angebote zur Information, Prävention und Unterstützung, darunter Maßnahmen gegen die sogenannte Loverboy-Methode sowie Hilfen für Betroffene. Ihr Appell lautete: hinsehen, hinhören und handeln.

Barbara Becker, Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Frauen der CSU-Landtagsfraktion, stellte den Schutz der körperlichen und seelischen Unversehrtheit in den Vordergrund. Respekt und Menschenwürde seien nicht verhandelbar. Damit politische Entscheidungen möglich würden, müsse die Gesellschaft offen über Prostitution und die damit verbundene Ausbeutung sprechen.

Vorträge

Männer, Macht und sexuelle Verfügbarkeit

Warum fragen Männer Prostitution nach? Dieser Frage widmeten sich Mattias Gathof und Sophie Schmerfeld in ihrem gemeinsamen Vortrag über patriarchale Strukturen und deren Auswirkungen. Beide gehören zum Team von Spiegelbild, einem Träger der politischen Bildung mit Sitz in Wiesbaden. Sie richteten den Blick bewusst auf Männer, männliche Sozialisation und die Vorstellungen von Sexualität, die gesellschaftlich vermittelt und innerhalb von Männergruppen weitergegeben werden. Sophie Schmerfeld stellte dar, wie traditionelle Geschlechterrollen entstehen und fortwirken. Eigenschaften wie Fürsorglichkeit und Passivität würden häufig Frauen zugeschrieben, während Durchsetzungsfähigkeit, Härte und Unabhängigkeit als männlich gelten. Solche Zuschreibungen beeinflussten auch das Verständnis von Sexualität. Wenn Männlichkeit mit Kontrolle und Aktivität, Weiblichkeit dagegen mit Verfügbarkeit verbunden werde, setzten sich hierarchische Geschlechterverhältnisse in sexuellen Beziehungen fort. Beiträge aus sogenannten Freierforen zeigten, wie offen manche Männer über Macht, Kontrolle und den vermeintlichen Anspruch auf den Körper einer Frau sprechen. Die Perspektive der Frauen komme darin kaum vor. Sophie Schmerfeld beschrieb diesen Vorgang mit dem Begriff der Verdinglichung: Ein Mensch werde nicht mehr als eigenständiges Gegenüber mit eigenen Wünschen und Grenzen wahrgenommen, sondern vor allem nach seinem Nutzen bewertet. In der Prostitution verbinde sich diese Haltung mit ökonomischer Ungleichheit. Geld werde zum Mittel, um sexuelle Verfügbarkeit einzufordern. Mattias Gathof ergänzte die gesellschaftliche Analyse durch Erfahrungen aus seiner Bildungsarbeit mit Männern. In Männerkreisen spricht er mit Teilnehmern über patriarchale Sozialisation, Pornografie, Gewalt und männliche Sexualität. Gespräche mit Männern, die selbst Prostitution nachgefragt hatten, zeigten, wie biografische Erfahrungen, pornografische Vorstellungen und erlernte Männerbilder ineinandergreifen können. Dabei traten auch widersprüchliche Frauenbilder hervor: Die Partnerin stand für Liebe und Achtung, während prostituierte Frauen als verfügbar behandelt und abgewertet wurden. Beide Referierenden verbanden ihre Analyse mit einer konkreten Forderung. Männer brauchen Räume, in denen sie ihre Vorstellungen von Sexualität, Beziehungen und Männlichkeit kritisch prüfen können. Diese Auseinandersetzung dürfe nicht auf Frauen abgewälzt werden. Männer müssten selbst Verantwortung für ihr Verhalten und für die Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse übernehmen.

Belastungen für Körper und Psyche

Einen medizinischen Blick auf Prostitution eröffnete die Frauenärztin Liane Bissinger. Sie stützte ihren Vortrag auf langjährige Erfahrungen aus der aufsuchenden Gesundheitsarbeit. Ein Perspektivwechsel führte das Publikum zunächst in ein verdunkeltes Appartement: Eine junge Frau wartet auf einen ihr unbekannten Freier und muss innerhalb weniger Sekunden einschätzen, ob von ihm Gefahr ausgeht. Die Szene veranschaulichte die Unsicherheit, die viele Frauen bei jeder Begegnung begleitet. Der gesundheitliche Druck beginnt nach den Erfahrungen von Liane Bissinger nicht erst mit sichtbaren Verletzungen. Viele Frauen müssen zunächst hohe Kosten für Zimmer, Anzeigen und weitere Abgaben erwirtschaften. Auch bei Krankheit können sie ihre Tätigkeit kaum unterbrechen. Hinzu kommen unregelmäßige Arbeitszeiten, schlecht belüftete Räume und ein Alltag ohne verlässlichen Tag-Nacht-Rhythmus. Der Vortrag benannte ein breites Spektrum körperlicher Folgen: Schmerzen, Verletzungen durch orale, vaginale oder anale Penetration, Entzündungen und sexuell übertragbare Infektionen. Auch gynäkologische Beschwerden, ungewollte Schwangerschaften, Blasenentzündungen und Schädigungen des Beckenbodens gehörten zu den Problemen, die Liane Bissinger in ihrer medizinischen Arbeit beobachtet hat. Manche Frauen nähmen vorbeugend Antibiotika oder Schmerzmittel ein, um weiterarbeiten zu können. Das könne neue gesundheitliche Risiken verursachen. Noch länger wirkten häufig die psychischen Belastungen nach. Angst sei in der Beratung und Behandlung allgegenwärtig, berichtete die Frauenärztin. Viele Betroffene litten unter Traumafolgestörungen, Depressionen, Panikattacken oder Schlafstörungen. Alkohol, Drogen und Medikamente dienten nicht selten dazu, die Situation überhaupt ertragen zu können. Besondere Gefahren bestünden für schwangere Frauen und ungeborene Kinder, etwa durch Infektionen, Gewalt oder Substanzkonsum. Liane Bissinger widersprach damit einem Bild von Prostitution als gewöhnlicher Dienstleistung. Ihre medizinischen Erfahrungen zeigten, wie eng wirtschaftlicher Druck, Gewalt sowie körperliche und psychische Schädigungen miteinander verbunden sind.

Wenn Frauen in der Statistik verschwinden

Die Soziologin Manuela Schon sprach anschließend über Tötungsdelikte in der Prostitution. Seit mehr als zehn Jahren sammelt und untersucht sie Todesfälle, die mit der Sexindustrie in Verbindung stehen. Ihre internationale Datenbank umfasste zum Zeitpunkt der Tagung mehr als 4.000 dokumentierte Fälle. Für Deutschland hatte sie mehrere hundert Fälle erfasst. Eine verlässliche statistische Einordnung bleibt schwierig. Schon die Zahl der Frauen in der Prostitution ist nicht genau bekannt. Hinzu kommen Unterschiede bei der Erfassung durch Polizeibehörden, nicht aufgeklärte Verbrechen und Fälle, die nie öffentlich bekannt werden. Dennoch zeichnet das gesammelte Material ein klares Bild der Gefährdung. Nach der Auswertung von Manuela Schon begingen überwiegend Freier die erfassten Tötungsdelikte. Häufige Auslöser waren Besitzdenken, Eifersucht, die Zurückweisung eines Freiers oder ein Streit um Geld und sexuelle Handlungen. Die Referentin widersprach zudem der Annahme, Innenräume böten grundsätzlich Sicherheit. Bei den von ihr ausgewerteten deutschen Fällen seit dem Jahr 2000 fand ein großer Teil der Tötungsdelikte in Wohnungen, Hotels oder anderen Innenräumen statt. Auch legalisierte oder vermeintlich kontrollierte Orte verhinderten Gewalt demnach nicht zuverlässig. Über die Tat hinaus untersuchte Manuela Schon, wie Polizei, Justiz, Medien und Gesellschaft mit den Opfern umgehen. Deutsche Medien nannten häufig weder die Namen noch die Lebensgeschichten der getöteten Frauen. Stattdessen erschienen Bezeichnungen wie „die 35-jährige Ungarin“. Die Person hinter dem Fall blieb unsichtbar. In anderen Fällen veröffentlichten Medien entwürdigende Bilder oder reduzierten die Frauen auf ihre Tätigkeit in der Prostitution. Manuela Schon plädierte für eine Berichterstattung, die den Frauen Namen, Gesicht und Biografie zurückgibt, ohne ihre Würde oder die Rechte ihrer Angehörigen zu verletzen. Beispiele aus verschiedenen Ländern zeigten zudem, dass einzelne Tötungsdelikte politische Debatten, Gesetzesänderungen und Formen des öffentlichen Gedenkens auslösen können. Die entscheidende Frage laute, ob eine Gesellschaft die getöteten Frauen erinnert und Konsequenzen zieht oder ob ihre Lebensgeschichten aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwinden.

Diskussionen in den Themenforen

Am Nachmittag vertieften die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die drei Vorträge in parallelen Themenforen. Die Gespräche griffen sowohl fachliche Fragen als auch persönliche Erfahrungen auf. Dabei zeigte sich unter anderem, wie unterschiedlich Frauen und Männer Gefahr im öffentlichen Raum wahrnehmen. Viele Frauen berichteten von Vorsichtsmaßnahmen, die für Männer oft keine Rolle spielen, etwa vom Wechsel der Straßenseite oder von Nachrichten an vertraute Personen nach dem sicheren Ankommen zu Hause. Im Forum über patriarchale Strukturen ging es auch um verbreitete Mythen männlicher Sexualität. Dazu gehört die Vorstellung, Männer könnten ihre sexuellen Bedürfnisse kaum kontrollieren und Prostitution verhindere deshalb andere Formen sexualisierter Gewalt. Dem stellten die Teilnehmenden ein partnerschaftliches Verständnis von Sexualität entgegen, das Grenzen respektiert und die Wünsche beider Seiten einbezieht. Die Diskussion zu den Tötungsdelikten konzentrierte sich auf die Qualität der verfügbaren Daten, die Zusammenarbeit zwischen Behörden und Organisationen sowie das Spannungsverhältnis zwischen Datenschutz und öffentlichem Interesse. Die Teilnehmenden sprachen sich für eine vergleichbare Erfassung der Fälle aus. Auch Medien tragen Verantwortung: Ihre Berichte sollten den Täter nicht zum alleinigen Zentrum machen, sondern die Biografie und Perspektive des Opfers einbeziehen.

Was berührt, was Mut macht

Zum Abschluss kamen Mitglieder des Koordinierungskreises des Aktionsbündnisses gegen Frauenhandel auf dem Podium zusammen. Unter der Leitfrage „Was hat mich heute berührt, was macht mir Mut?“ blickten sie auf die Vorträge und Diskussionen zurück. Mehrere Stimmen nannten die Verbindung aus fachlich fundierten Informationen und persönlichem Engagement. Ermutigend sei außerdem, dass jüngere Menschen das Thema aufgriffen und die Arbeit fortführten. Zugleich richtete sich der Blick auf die Bedingungen, unter denen Beratungsstellen und Fachorganisationen arbeiten. Netzwerke können nur Bestand haben, wenn die beteiligten Einrichtungen verlässlich finanziert und politisch gehört werden. Die fachliche Arbeit brauche deshalb neben persönlichem Einsatz auch tragfähige Strukturen. Die Erkenntnisse der Tagung verlangen Konsequenzen: Männer müssen Verantwortung für ihre Vorstellungen von Sexualität und für ihr Handeln übernehmen. Betroffene Frauen brauchen Schutz, verlässliche Beratung und eine Öffentlichkeit, die ihre Erfahrungen ernst nimmt. Fachstellen und Netzwerke wiederum benötigen eine dauerhafte finanzielle und politische Absicherung.

Der Auftrag der Tagung reicht deshalb über diesen Tag hinaus. Über Gewalt, Ausbeutung und Machtverhältnisse in der Prostitution zu sprechen, ist ein erster Schritt. Entscheidend ist, daraus Veränderungen folgen zu lassen. Die Würde und Selbstbestimmung der betroffenen Frauen müssen zum Maßstab politischen und gesellschaftlichen Handelns werden.