2007: Armut – Migration – Frauenhandel: Das Beispiel der Republik Moldau

Anton Cosa, Katholischer Bischof von Chisinau, Republik Moldau

Burkhard Haneke, Aktionsbündnis gegen Frauenhandel, Renovabis-Geschäftsführer

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Bischof Anton Cosa / Burkhard Haneke: Armut – Migration – Frauenhandel: Das Beispiel der Republik Moldau

1. Einführung

Wenn in öffentlichen Diskussionen das Problem des Frauenhandels im Zusammenhang mit Osteuropa angesprochen wird, ist von einem Land bevorzugt die Rede, nämlich der Republik Moldau oder Moldova (häufiger, aber fälschlich „Moldawien“ genannt). Und tatsächlich ist Moldova – bedingt durch die akute Armut und die daraus resultierende, meist illegale Auswanderung – eines der Hauptherkunftsländer von Opfern des Frauenhandels. Dies bestätigen unisono alle europäischen und internationalen Analysen, auch wenn niemand in diesem Feld organisierter Kriminalität verlässliche Opferzahlen nennen kann.

Denn schon die Zahl der Auswanderer insgesamt – überwiegend sind es jüngere Menschen – lässt sich nur annähernd bestimmen. Doch gehen Schätzungen von bis zu einer Million emigrierter Frauen und Männer aus. Das wären etwa 25 % der Gesamtbevölkerung (ca. 4,2 Mio), die vorübergehend oder ständig im Ausland leben. Sie haben Moldova, das heute neben Albanien als ärmster Staat Europas gilt, verlassen, um in anderen Ländern eine besser bezahlte Arbeit zu finden. Dass sie dabei häufig auch in ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen landen bzw. kriminellen Verstrickungen zum Opfer fallen, ist eine bittere Realität, die aber die Auswanderungswelle bis heute nicht bremsen konnte. Im Allgemeinen sei, so heißt es, ein Kind ins Ausland zu schicken, immer noch die beste Investition für eine Familie.

2. Wirtschaftliche und soziale Entwicklung

Die Republik Moldau ist (noch) ein sehr armes Land. Vielleicht sollte man aber besser sagen: ein verarmtes Land. Denn vor dem Zerfall der Sowjetunion galt es bis Anfang der 90er-Jahre als eine der wohlhabendsten Sowjetrepubliken, ja als ein „blühender Garten“, in dem ein bedeutender Teil der Agrarproduktion der seinerzeitigen UdSSR erzeugt wurde. Im Jahr 2003 produzierte die moldavische Landwirtschaft dann aber nurmehr weniger als die Hälfte des Wertes von 1990. Der Schritt in die Unabhängigkeit (am 27. August 1991), der Verlust der früheren Märkte und Lieferanten sowie der Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft (mit entsprechender Privatisierungspolitik) brachte die junge Republik in eine extrem schwierige Situation – mit drastischem Sturz des Bruttoinlandsprodukts, dem Anstieg der Arbeitslosigkeit, einer Hyperinflation und aus all dem folgend der Verarmung eines großen Teils der Bevölkerung. Insbesondere hatte die russische Finanzkrise Ende der 90er-Jahre massive Auswirkungen auf die wirtschaftliche und soziale Lage in Moldova. Davon hat sich die kleine Republik bis heute noch nicht ganz erholt. Derzeit leben in Moldova 29 % der Bevölkerung unter dem Armutsniveau und 15,2 % davon befinden sich in einer äußerst schwierigen Situation.

Auf der anderen Seite leben 10 % der Bevölkerung in allgemein guten Lebensverhältnissen und 2 % sind ausgesprochen reich. Nimmt man die schon genannten 25 % der Auswanderer hinzu, ergibt sich das ebenso komplexe wie kritische Bild eines Staates, der sich in immensen Schwierigkeiten befindet und in dem ein großer Teil der Bevölkerung wegen der niedrigen Löhne seinen Lebensunterhalt nicht decken kann. Die Masse des Geldes, das durch die Emigranten aus dem Ausland kommt, ändert an dieser Situation kaum etwas.

Weder die Löhne der staatlichen Angestellten noch die der Beschäftigten in der Privatwirtschaft werden dadurch erhöht. Inoffizielle Schätzungen beziffern das jährlich aus dem Ausland in die Republik Moldau transferierte Geld auf eine Summe von mehr als einer Milliarde Euro, was etwa einem Drittel des gesamten Bruttoinlandsprodukts entspricht. Doch dieses Geld bewirkt aufs Ganze gesehen noch keine gesunde wirtschaftliche Entwicklung, bringt kein wirklich harmonisches Wachstum der nationalen Wirtschaft hervor. Es trägt bisher nur wenig zur Verringerung der akuten Armut, unter der viele Moldauer, vor allem Alte, Arbeitslose, Kranke und nicht zuletzt Familien, leiden, bei, auch wenn das Armutsniveau in Moldova insgesamt in den Jahren 2000 bis 2004 kontinuierlich gesunken (2005 aber wieder leicht gestiegen) ist. Der gewaltige Geldtransfer hat insbesondere in vier Bereichen zur Expansion bzw. zur Wirtschaftsentwicklung beigetragen: bei den Transportdienstleistungen, in der Telekommunikation, in der Konsumwirtschaft und insbesondere im Immobilienbereich.

3. Belastungen der Familie

Durch den Geldstrom aus dem Ausland wird ein beständiger Druck bei denen aufgebaut, die von solchem Geld bisher (noch) nicht profitieren. Das bedeutet, dass jede Familie danach trachtet, ein Mitglied ins Ausland auswandern zu lassen, um so zu Geld zu kommen. Den Preis dafür zahlen gewöhnlich die schwächeren Gruppen der Gesellschaft: die alten Menschen, die zurückbleibenden, meist jungen Ehemänner oder -frauen und nicht zuletzt die Kinder. Insgesamt kann man sagen, dass unter dieser Entwicklung vor allem die moldauische Familie leidet. Die Institution der Familie hat an Ansehen, aber auch an Stabilität verloren, was wachsende Scheidungs- und rückläufige Eheschließungszahlen, die Zunahme von Spannungen und Gewalt in den Familien wie auch die Verringerung der durchschnittlichen Familiengröße dokumentieren. Eine Werteveränderung im Familienleben ist besonders in den Städten zu beobachten, wo sich alles um den materiellen Wohlstand dreht, der mit den erwähnten Geldüberweisungen zusammenhängt, die gerade auf die junge Generation faszinierend wirken, sich häufig genug aber auch als verhängnisvolle Falle entpuppen.

Bei all dem bleibt als Kernproblem die verbreitete Armut, unter der besonders Familien im ländlichen Raum leiden; auch gelten 40 % der Haushalte, in denen drei oder mehr Kinder leben, als absolut arm. Und ein weiteres, kaum geringeres Problem liegt darin, dass viele Familien durch (mehr oder minder freiwillige) Migration zerrissen werden, vor allem dann, wenn Eltern, insbesondere Mütter, auswandern.

4. Die Situation der Frauen

Die heutigen Probleme der Institution Familie, die früher in Moldova sehr beliebt war und vom Staat auf verschiedenste Weise gefördert wurde, haben natürlich Auswirkungen gerade auch auf die Situation der Frauen – wie auch umgekehrt die Schwierigkeiten, mit denen die Frauen zu kämpfen haben, die Familiensituationen prägen. Die Frau ist in der moldauischen Familie nach wie vor der schwächste und empfindlichste Teil, patriarchalische Denkweisen sind in der Gesellschaft noch weit verbreitet. Gemäß einer repräsentativen Studie aus dem Jahr 2005 waren immer noch 20 % der Frauen im Alter zwischen 16 und 35 Jahren der Meinung, dass „Frauen Besitz des Mannes“ sind. Frauen sind daher auch in besonderem Maße Opfer von Gewaltakten in den Familien, wobei hier das gesamte Spektrum physischer, psychischer, sozialer, wirtschaftlicher und sexueller Gewalt zu berücksichtigen ist. Die eben genannte Studie hat aufgezeigt, dass 41 % aller Frauen im Alter von 25 bis 36 Jahren zu irgendeinemZeitpunkt ihres Lebens Opfer einer der verschiedenen Typen von Gewalt geworden sind. Dabei ist noch zu bedenken, dass es hier eine hohe Dunkelziffer gibt, weil natürlich längst nicht alle Frauen über die im Familienkontext erlittene Gewalt offen sprechen können oder wollen.

Doch auch unabhängig von der Gewaltproblematik ist die Frau in Moldova immer wieder ein Instrument der Ausbeutung und des Profits – sie ist häufig die wichtigste Arbeitskraft der Familie, um das notwendige Geld nach Hause zu bringen. Und wenn nicht, lebt sie in völliger finanzieller Abhängigkeit von ihrem Mann. Dass ein hoher Prozentsatz der Frauen aus dieser Situation zu fliehen trachtet und ihr Glück im Ausland sucht, ist vor diesem Hintergrund verständlich. Oder sie tun diesen Schritt gerade, um ihren zurückbleibenden Familienangehörigen das finanzielle Überleben zu sichern. Studien über die Situation der Familie in Moldova zeigen, dass Familien „mit Auswanderern“ in deutlich geringerem Ausmaß unter Armut leiden als solche „ohne Auswanderer“.

5. Auswanderung aus der Armut

Nach offiziellen Statistiken sind im Zeitraum von 1999 bis 2005 rund 430.000 Menschen aus der Republik Moldau ins Ausland emigriert. Da es sich jedoch um weitgehend illegale Wanderungsbewegungen handelt, dürften die inoffiziellen Angaben über die tatsächlichen Auswandererzahlen zutreffender sein: diese gehen von 600.000 bis 1 Million Auswanderern aus. Die Summe der von diesen Emigranten nach Moldova rücktransferierten Gelder belief sich im Jahr 2005 auf etwa 915 Millionen US-Dollar, das waren 31,4 % des gesamten Bruttoinlandsprodukts der Republik Moldau (zum Vergleich: 1997 waren dies nur 5,9 %). Studien von Wirtschaftsanalysten zufolge hat die Auswanderungswelle die Armut in Moldova in den letzten Jahren um ca. 20–25 % reduziert. Und die Migrationsströme halten auch gegenwärtig an bzw. werden noch stärker.

Von der Gesamtzahl der Ausgewanderten sind rund 66 % Männer und 34 % Frauen. Zielländer der männlichen Emigranten sind zumeist Russland und die Ukraine sowie einige westeuropäische Länder wie Portugal, Spanien und Frankreich. Die ganz überwiegende Zahl der auswandernden Frauen geht in letzter Zeit vor allem nach Italien, sodann in die GUS-Staaten, doch auch in arabische Länder, in die Türkei und nach Israel. Bei der Betrachtung der – gemessen an der Bevölkerungszahl Moldovas – exorbitant hohen Auswandererzahl darf nie in Vergessenheit geraten, dass im Wesentlichen die Erfahrung von Armut Ursache dieser Migration ist. Hier spielen also Elemente von Freiwilligkeit und Unfreiwilligkeit zusammen, die zum Verlassen der Heimat und der Familie – für immer oder auf Zeit – nötigen. Und nicht immer finden die Emigranten im Ausland die von ihnen erwarteten Arbeitsangebote vor, müssen sich aber – fern von zu Hause – dann in Umstände fügen, die sie sich nicht mehr aussuchen können.

6. Opfer des Frauenhandels

Für viele Frauen, die Moldova auf der Suche nach einem guten Job verlassen, endet der Weg in sexueller Ausbeutung und Erniedrigung. Sie werden gezwungen, etwas zu tun, was sie freiwillig niemals täten. Zwar ist häufig eine gewisse Risikobereitschaft vorhanden, mitunter sicher auch die Bereitschaft, Gesetze zu verletzen. Denn viele Emigrantinnen sind offen und aufgeschlossen für Experimente und (zunächst) mit allem einverstanden, wenn es ums Geldverdienen geht. Sie sehen für sich in ihrer Heimat wenig oder keine Perspektiven und sind daher nicht unbedingt wählerisch bei der Jobsuche im Ausland. Dass sie dabei gelegentlich ihr Leben riskieren oder sich zumindest in Abhängigkeiten bis hin zur Zwangsprostitution begeben, ist ihnen nur selten klar. Ihre Prädisposition, auch hohe Risiken einzugehen, ist dann umso größer, wenn sie sich mit ihrer Emigration einer erlebten Zwangslage im persönlichen bzw. familiären Umfeld (zum Beispiel der Erfahrung von Gewalt in der Familie) entziehen wollen. Schätzungen gehen davon aus, dass vier von zehn Mädchen oder jungen Frauen, die Moldova verlassen möchten, bereit sind, alles zu riskieren und eben deshalb in der akuten Gefahr sind, Opfer von Menschenhändlern zu werden. Sie sind auch nur allzu bereit, sogenannten „Erfolgsgeschichten“ emigirierter Frauen, selbst solchen, die sich zur Prostitution rekrutieren ließen, Glauben zu schenken. Unweigerlich geraten sie dadurch in die Fänge organisierter Banden, die ihnen den Transit aus Moldova ermöglichen und ihnen falsche Ausweispapiere besorgen, sie dann aber – nach dem Grenzübertritt – wie eine beliebige Handelsware betrachten und hemmungslos sexuell ausbeuten. Sie werden Bestandteile einer regelrechten „Handelskette“, werden von Zuhälterringen wie Sklavinnen von einem Land ins nächste weiterverkauft. Für eine Frau, die einmal in diese Mechanismen der organisierten Kriminalität hineingeraten ist, ist es extrem schwierig, ihnen wieder zu entkommen. Die Frauen werden durch teilweise extreme körperliche Gewalt gefügig gemacht oder sie werden psychisch unter massiven Druck gesetzt, beispielsweise durch Drohungen, dass der Familie daheim etwas zustoßen könnte. Gelegentlich werden Mädchen, die sich aus ihrer Situation zu befreien versuchen, auch umgebracht oder sie verschwinden einfach.

7. Aufklärung und Hilfe tut Not

Bei der in der Analyse des Frauenhandels inzwischen üblichen Einteilung in Lieferländer, Transitländer und Zielländer gehört die Republik Moldau zu den sogenannten Lieferländern in Osteuropa, zusammen etwa mit Rumänien oder der Ukraine (als Transitländer gelten u. a. das ehemalige Jugoslawien und Albanien, als Zielländer vor allem westeuropäische Länder wie beispielsweise Italien, Frankreich oder Deutschland). Hauptkennzeichen eines „Lieferlandes“ ist in aller Regel die Armut und das Elend, die junge Frauen und Mädchen erst so weit bringen, sich den Menschenhändlern auszuliefern. In gewisser Weise sind die Opfer des Frauenhandels aus Moldova schon vorher Opfer gewesen, nämlich Opfer der schwierigen Verhältnisse in ihrem Land. Daher ist die Antwort auf die Frage, was man denn vor allem gegen den Frauenhandel tun kann, zwar schnell gegeben: Es gilt, die sozialen und wirtschaftlichen Ursachen für die Arbeitsmigration und die damit einhergehenden Risiken zu beseitigen. Allerdings ist die Realisierung des Inhalts dieser raschen Antwort umso schwieriger und langwieriger und hängt von einer erfolgreichen wirtschaftlichen Entwicklung der Republik Moldau insgesamt ab. Will man sich mit einer solchen „Langzeitperspektive“ allein nicht zufrieden geben, bleiben immer noch viele Möglichkeiten konkreter Hilfe im Einzelfall. Und die caritative Tätigkeit der katholischen Kirche in Moldova setzt genau hier an. Sie hilft Opfern des Frauenhandels, die sich aus ihrer Zwangssituation befreien konnten und unterstützt sie bei der Reintegration in ihr gesellschaftliches und familiäres Umfeld. Die Kirche versucht aber auch, durch verschiedene sozial-pastorale Aktivitäten bereits die Familien selber zu stärken und bedürftigen Menschen in ihrer Not zu helfen. Dazu hat sie gerade ein „Jahr der Familie“ ausgerufen und zu ihrem Themenschwerpunkt gemacht. Bei zahlreichen Projekten wird sie von Partnerorganisationen in den Ländern und Kirchen Westeuropas maßgeblich unterstützt, so auch von der Solidaritätsaktion Renovabis, dem Osteuropahilfswerk der katholischen Kirche in Deutschland. Bezüglich der Frauenhandels-Thematik gibt es über das internationale Caritas- Netzwerk einen intensiven Austausch mit der Caritas Czechia, die ebenfalls über viel praktische Erfahrung mit dieser Problematik verfügt. Die katholische Kirche in Moldova kämpft weiterhin – auf der mentalen Ebene – gegen einen kruden Materialismus, gegen eine naive Logik des Geldes, die zu echtem Wachstum und echter Entwicklung im Lande nichts beiträgt. Und sie setzt sich schließlich massiv ein für die Achtung der Würde der Frau bzw. für die Zurückgewinnung dieser Würde. Was in einem „Lieferland“ von Opfern des Frauenhandels weiterhin getan werden kann und getan werden muss ist Aufklärung. Viele junge Frauen, die sich zur Auswanderung entschließen, vertrauen blind irgendwelchen Versprechungen – sehen hinter scheinbar lukrativen Jobangeboten „im goldenen Westen“ nicht die wahren Risiken von Menschenhandel und Zwangsprostitution. Hier kann es gar nicht genug Initiativen zur Prävention, Information und Aufklärung geben. Den Opfern des Frauenhandels muss natürlich mit allen Mitteln geholfen werden – fast noch wichtiger ist es jedoch zu verhindern, dass sie überhaupt Opfer werden. Auch hier weiß die Kirche sich in der Verantwortung.

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