2004: Stopp dem Frauenhandel! Brennpunkt Osteuropa

Miroslav Nemec, Schauspieler

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Miroslav Nemec: Stopp dem Frauenhandel! Brennpunkt Osteuropa

Leider kann ich jetzt nur in dieser Form – von der Leinwand herab – zu Ihnen sprechen, denn zu dieser Stunde stehe ich gerade wieder als Tatort-Kommissar Ivo Batic vor der Kamera. Gemeinsam mit meinem Kollegen Leitmayer kämpfen wir unseren endlosen Kampf gegen das Verbrechen. Nur im Film zwar, aber wie wir wissen, ist die Realität oft weit härter, fintenreicher. Das Thema, mit dem Sie sich heute beschäftigen – Menschenhandel, Zwangsprostitution –, ist grausame Realität. In einem Europa der offenen und sich immer weiter öffnenden Grenzen.

Als die Organisatoren dieser Konferenz an mich herantraten mit der Bitte, eine Art Patenschaft dafür zu übernehmen, da habe ich zuerst gestutzt: was bitte habe ich mit Frauenhandel, mit Zwangsprostitution zu tun? Ja, vielleicht ein bisschen in meiner Rolle als Tatort-Kommissar, da steht der Kampf gegen das Organisierte Verbrechen oft auf dem Drehplan und der Handel mit jungen Frauen, die in die Prostitution gezwungen werden, ist Organisiertes Verbrechen. Nun gut, und ich bin Südost-Europäer. Bin in Kroatien, in Zagreb, geboren und aufgewachsen, und wie wir wissen, kommen viele Tausend verkaufter Mädchen und Frauen gerade aus Südosteuropa. Aber genügt das wirklich, um einen glaubwürdigen Appell an Sie zu richten? Ich habe mir Gedanken gemacht und habe zugleich nach Parallelen gesucht zu meinem eigenen Leben, zu meinem eigenen humanitären Engagement. Wie einige von Ihnen sicherlich wissen, habe ich zusammen mit Freunden den Verein „Hand in Hand“ gegründet. Wir wollten den Kindern aus dem ehemaligen Jugoslawien helfen, die der Bürgerkrieg zu Waisenkindern gemacht hat – kleine Wesen, die entwurzelt und ohne Chance auf ein Leben in Geborgenheit vollkommen aus der Bahn geworfen wurden. Schuldlos. Wir taten uns zusammen mit einem kroatischen Partnerverein und haben eine Art SOS-Kinderdorf gegründet. In einer gesunden und psychologisch geschulten Familienumgebung sollen die kleinen Kriegswaisen ihr grausames Einzelschicksal überwinden und eine Zukunft finden. Hand in Hand – das Motto gilt nicht nur für unseren deutschen Verein und seinen kroatischen Partner, es gilt vor allem für die Kinder und ihre neuen Familien. Wo sehe ich nun die Parallele zu den Opfern von Zwangsprostitution? Nun – „meine“ Kinder und die jungen Frauen und minderjährigen Mädchen, die aus ganz Ost- und Südosteuropa zu uns verkauft werden, um dann als Sexsklavinnen gehalten zu werden – das sind Opfer des Systems. Es sind beides Schicksale von Unschuldigen, die ein grausames System, nein, der Zusammenbruch dieses Systems, zu Schutzlosen gemacht hat. Im Falle meiner Kriegswaisen war es der Bürgerkrieg, die blutigen Nachwehen des zerfallenden Kommunismus, der den Kindern die Eltern, die Zukunft geraubt hat. Im Falle der heranwachsenden Mädchen Osteuropas raubt ihnen die postkommunistische wirtschaftliche Not und eine desolate Perspektivlosigkeit ihre Zukunft. Sie mögen vielleicht noch Eltern haben – aber die sind so verzweifelt wie sie selbst. Der einzige Weg heraus scheint der der schönen Versprechungen zu sein – ein Leben im Saus und Braus, ein sorgloses Leben im goldenen Westen. Von dort will man den Daheimgebliebenen aus der Misere helfen. Ein grausamer Trugschluss – doch das stellt sich erst hier heraus. In der Falle. Hier sind sie in Schande geraten. Hier sind sie Huren. Sie alle hier in dieser Konferenz wissen, dass das Phänomen des Menschenhandels ein relativ neues, aber stetig wachsendes Phänomen ist – solange das wirtschaftliche Gefälle zwischen Ost und West noch so groß ist und die Länder im Westen sich den Ländern im Osten öffnen. Aber genau weil dieses Phänomen noch so neu ist, können Sie auch noch etwas bewegen.

Es ist noch nicht zu spät. Was Sie tun können, müssen Sie tun. Aber tun sie es nicht alleine. Es geht nur gemeinsam. Hand in Hand: in der Zusammenarbeit Ihrer Organisationen untereinander, in der vertrauensvollen Zusammenarbeit zwischen Ihnen, der Polizei und Staatsanwaltschaften, aber vor allem gemeinsam mit den Ländern im Osten. Damit blühende junge Frauen und erblühende Mädchen eine echte Zukunft haben – und nicht als weiße Sklavinnen in unseren Bordellen enden. Diese Konferenz trägt hoffentlich dazu bei, anzupacken. Hand in Hand.

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