Frauenhandel bekämpfen: Erfahrungen und Projekte aus Osteuropa

„Ist denn ein Ende in Sicht?“, fragte Professorin Ursula Männle, die Vorsitzende der Hanns-Seidel-Stiftung, zur Begrüßung die rund 160 Teilnehmenden an der diesjährigen Fachtagung gegen Frauenhandel in München am 17. Oktober 2017. „Leider nein“, ergänzte sie dann und betonte, dass die Situation im Bereich Prostitution und Zwangsprostitution sich in den vergangenen Jahren sogar noch zugespitzt habe. Es sei wichtig, sich auch weiterhin und ausdauernd mit dem Thema Frauenhandel und Zwangsprostitution zu befassen. Zum 14. Mal wurde die Tagung gemeinsam von Renovabis, der Hanns-Seidel-Stiftung und dem Aktionsbündnis gegen Frauenhandel organisiert und durchgeführt.

Gemeinsam seit vielen Jahren aktiv für das Aktionsbündnis gegen Frauenhandel (v.l.n.r.): Inge Bell (im Vorstand von Terre des Femmes), Burkhard Haneke (Renovabis-Geschäftsführer), Professorin Ursula Männle (Vositzende der Hanns-Seidel-Stiftung), Juliane von Krause (Geschäftsführerin von Stop dem Frauenhandel) und Barbara Lanzinger (MdB, bis zum 23.10.2017).

„Mit dem Fokus auf Osteuropa kehren wir zurück zu den Anfängen unseres Aktionsbündnisses, das im Jahr 2000 auf dem Freisinger Domberg begründet wurde“, sagte Renovabis-Geschäftsführer Burkhard Haneke zu Beginn der Veranstaltung. „Mit unserer heutigen Tagung nehmen wir ganz besonders die osteuropäischen Herkunftsländer und die Migrationsursachen der Opfer von Zwangsprostitution in den Blick.“ Haneke hob weiter hervor, dass es zwischen sogenannter freiwilliger und Zwangsprostitution „eine große Grauzone“ gebe. Als Mitarbeiter eines katholischen Hilfswerks begrüßt er aber, dass insgesamt die Herausforderungen durch Prostitution, Zwangsprostitution und Menschenhandel „inzwischen voll im Bewusstsein der Kirche angekommen sind“. Auch Papst Franziskus habe sich den Kampf gegen diese „moderne Sklaverei“ auf die Fahnen geschrieben.

Prof. Ursula Männle
Barbara Lanzinger (MdB bis 23.10.2017)
Burkhard Haneke

 

 

 

 

 

„Früher dachte ich, Prostitution könnte man menschenwürdig gestalten – heute weiß ich: Nein das geht nicht! Ich denke, es sollte ein generelles Verbot, nach Vorbild des nordischen Modells geben“, mit dieser Einschätzung eröffnete die ehemalige Bundestagsabgeordnete (bis 23.10.2017) Barbara Lanzinger ihr Impulsreferat. Die Zahl derer, die wirklich freiwillig der Prostitution nachgehen würden, sei so verschwindend gering im Verhältnis zu denen, die sich unter Zwang prostituieren, dass das Argument der selbstbestimmten Prostitution nur ein „Deckmantel für die Fremdbestimmtheit“ sei. Für sie ist klar, dass dahinter aber auch ein „enormes Wirtschaftspotential“ stecke. Frauenhandel sei eine gigantische Industrie und Deutschland dabei zum „Bordell Europas“ geworden. Das gesellschaftliche Signal, dass von einem kompletten Verbot ausgesendet werden würde, sei unglaublich wichtig, betonte Lanzinger. „Wir leben in einer Zeit, in der Sprache und Verhalten oft sehr grob geworden sind“, sagte die Politikerin. Die Frage danach, wie wir miteinander umgehen, sei aber wichtig und dafür trügen wir alle Verantwortung. Sie schloss damit, dass der Mensch eine Würde habe und nicht nur irgendeinen Wert.

Die Perspektivlosigkeit ist hoch

Henning Senger, Hanns-Seidel-Stiftung

Henning Senger von der Hanns-Seidel-Stiftung  ging in seinem Referat auf die soziale Lage in den mittel- und osteuropäischen  Herkunftsländern Rumänien, Bulgarien, Albanien und Ungarn ein. Es gebe in diesen Ländern verschiedene Umstände, die dazu beitragen würden, dass Menschen keine Perspektiven für sich sehen. Die offiziellen Zahlen über Arbeitslosenquoten und Pro-Kopf-Einkommen seien oft bereits erschreckend. Doch die tatsächlichen Zahlen seien oft sogar noch dramatischer. So werde die offizielle Arbeitslosigkeit in Albanien mit 70 Prozent angegeben und bei Jugendlichen mit 30 Prozent, tatsächlich seien diese Zahlen aber noch zu niedrig, meinte Senger. Er gehe davon aus, dass auch bei Jugendlichen die Arbeitslosenquote über 50 Prozent betrage.

 

Dr. Monika Kleck, IG InitiativGruppe – Interkulturelle Begegnung und Bildung e.V.

Neben diese allgemeinen Fakte stellte Monika Kleck von der „IG InitiativGruppe – Interkulturelle Begegnung und Bildung“  noch eine Gruppe, die am Rand der Gesellschaft lebt, in den Mittelpunkt ihres Vortrags: die Roma. In Osteuropa leben viele Roma in prekären Verhältnissen, teils ohne fließendes Wasser und ohne Sanitäreinrichtungen. Chancen auf Arbeit oder einen sozialen Aufstieg gebe es für sie kaum. Die Perspektivlosigkeit sei entsprechend hoch und unter den Opfern der Menschenhändler seien überproportional viele, die der Roma-Minderheit angehören. Dabei spielen falsche Versprechungen auf bestehende Gewinnaussichten aber auch Menschenhandel und Menschenraub eine Rolle.

Die „Loverboy-Masche“

Kriminalhauptkommissarin Johanna Weimer

Über die Vorgehensweise der Menschenhändler berichtete Kriminalhauptkommissarin Johanna Weimer aus Augsburg. Es gebe dabei eine große Bandbreite an Tätern, die man nicht über einen Kamm scheren könne. Manche täuschen die Opfer über mögliche Gewinnaussichten und über die Zustände und die Arbeitsbedingungen in der Prostitution. Wenn die Frauen erst mal in Deutschland sind, werden ihre Einwände oder ihr Widerspruch ignoriert und sie werden brutal eingeschüchtert und zur Weiterarbeit gezwungen.  Andere locken Opfer schlicht mit falschen Jobangeboten an, als Zimmermädchen, Tänzerin oder ähnliches. Auch hier werden die Frauen dann in Deutschland zur Prostitution gezwungen. Daneben gebe es noch die sogenannte „Loverboy-Masche“: Hierbei werden dem Opfer große Gefühle vorgespielt und einer der Zuhälter verspricht dem Opfer eine rosige Zukunft mit Familie, Kindern und eigenem Haus. Es werden ganz bewusst emotionale Abhängigkeiten geschaffen, die dann ausgenutzt werden, um das Opfer in die Prostitution zu drängen, um vermeintliche Schulden abzuzahlen oder ein gemeinsames Vermögen zu erwirtschaften. Tatsächlich bleibe den Opfern am Ende aber nichts, so Weimer, weder das Geld noch eine gemeinsame Zukunft. Erschreckend sei für sie gewesen, dass es Befragungen gegeben habe, in denen die Opfer ihre eigenen Peiniger noch immer verteidigt hätten und fest davon überzeugt waren, dass es eine gemeinsame Zukunft gebe. Zunehmend spielten in diesem Bereich auch die Sozialen Medien eine stärkere Rolle, da die Kontaktanbahnung dadurch sehr leicht möglich sei, erklärte Weimer. Die Identifizierung und Befreiung der Opfer sei sehr schwierig, betonte die Polizistin, denn grundsätzlich sei Prostitution ja legal. Viele der Opfer seien viel zu eingeschüchtert, um Anzeige zu erstatten und eine Aussage zu machen.

Vorstellung von Projekten gegen Frauenhandel

Im zweiten Block der Fachtagung wurden dann Projekte gegen den Frauenhandel in den osteuropäischen Herkunftsländern der Opfer vorgestellt. Dabei wurden sowohl Präventionsprojekte präsentiert, die zum Beispiel an Schulen stattfinden, als auch Schutzhäuser und Beratungsmöglichkeiten für Frauen, die aus der Prostitution aussteigen wollen.

Schwester Mirjam Beike

Schwester Mirjam Beike engagiert sich viele Jahre in einem von Renovabis geförderten Projekt für Opfer von Menschenhandel in Albanien, sie berichtete von der schwierigen Arbeit mit den oft jungen Frauen, die sich aus der Zwangsprostitution und anderen Gewaltsituationen befreien konnten. Sie versuchte mit diesen Frauen im Rahmen einer Kunsttherapie ihre Vergangenheit zu bewältigen. Vielen falle es sehr schwer, wieder Vertrauen zu fassen, da sie auf brutale Weise belogen und betrogen worden seien. Auch die Rückkehr in die Familien sei oft sehr schwierig, da viele Frauen durch die Prostitution auch in ihrer Familie geächtet würden.

Daniela Marinache berichtet von einem SOLWODI (Solidarity with Women in Distress)-Projekt in Rumänien. Hier gehe es sowohl um Prävention als auch um Heilung und Rehabilitation. Das Übergangsprogramm umfasse drei Häuser, in denen jeweils rund 12-16 Frauen lebten. Für viele sei das Gemeinschaftsleben anfänglich schwierig, aber es sei auch wichtig, dass sie wieder lernten, gesunde Beziehungen aufzubauen und Vertrauen zu fassen.

Schwester Erika Moser und Katalin Radics berichteten von der Situation in Ungarn. Das von ihnen betreute Solwodi-Projekt dort sei noch sehr jung, und erst im Februar dieses Jahres wurde SOLWODI-Ungarn gegründet. Die Problematik sei aber auch in Ungarn groß, und es sei wichtig, an dem Thema und für die betroffenen Menschen da zu sein.

Mitko Dokov, Vorsitzender der Nichtregierungsorganisation „Roma Union“ in Burgas und Christina Vesselinova von Jadwiga, die das Projekt „FLORIKA“ in Rumänien mitbetreut.

Mitko Dokov, Vorsitzender der Nichtregierungsorganisation „Roma Union“ in Burgas und Christina Vesselinova von Jadwiga, berichteten über das Projekt „Florika“. Dort werden sozial  benachteiligte Mädchen zwischen 9 und 14 Jahren aus einem armen Roma-Viertel gefördert. Pädagogische Ziele sind die Verbesserung von praktischen und sozialen Kompetenzen, sowie die Stärkung des Selbstbewusstseins. Bestehende Entwicklungsdefizite der Mädchen sollen aufgeholt und eine Verbesserung ihres Gesundheitszustands erreicht werden. Auch der regelmäßige Schulbesuch und eine Ausbildung werden angestrebt. Zusätzlich werden die Mädchen und ihre Eltern gezielt darüber aufgeklärt, was es bedeutet, als Opfer von Menschenhänldern in die Zwangsprostitution zu gelangen. Die Mädchen werden informiert, und sie gewinnen durch das Programm an Selbstvertrauen.

Brigitte Bysh stellte das länderübergreifende Präventionsprojekt „OPEN“  vor. Hierbei geht es darum, junge migrationswillige Frauen zu beraten und ihnen Ansprechpartner im Herkunftsland aber auch im Zielland anzubieten. Es sei wichtig, dass sie vorher wirklich gut beraten werden und dass sie im Zweifelsfall auch im Zielland einen Ansprechpartner haben, der bei Problemen eingreifen und helfen kann.

„Wir müssen als Gesellschaft dazu nein sagen!“

Monika Cissek-Evans, JADWIGA

In der abschließenden Diskussionsrunde konnten Monika Cissek-Evans (JADWIGA) und Renate Hofmann (SOLWODI) die Erfahrungen und Sichtweisen der Fachberatungsstellen aus Deutschland einbringen. Monika Cissek-Evans betonte dabei, dass „die Graubereiche immer größer“ würden und dass die Täter oft genau das ausnutzen könnten. „Es ist zwar viel erreicht worden in den letzten zehn Jahren, doch sind wir dann immer von einer neuen Realität eingeholt worden.“ Es sind mittlerweile oft Frauen betroffen, die nicht im legalen Prostitutionsbereich angesiedelt sind. Sie prostituieren sich  in einem Bereich, der an allem vorbeigeht – auch am Prostituiertenschutzgesetz. Hier sei es extrem schwierig wirksame Hilfe zu leisten. Für Renate Hofmann ist klar, dass bundesweit zu wenig getan wird für die Opfer von Menschenhandel. Gerade im direkten Kontakt mit den Frauen, die missbraucht und zur Prostitution gezwungen werden, wünscht sich Hofmann eine klarere gesellschaftliche Positionierung und eine Stärkung der Hilforganisationen.

Insgesamt wurde deutlich, dass viele Podiumsteilnehmer das sogenannte „Nordische Modell“, also die Bestrafung der Nachfrage nach sexuellen Dienstleistungen, befürworten.

Insgesamt wurde deutlich, dass viele Podiumsteilnehmer das sogenannte „Nordische Modell“, also die Bestrafung der Nachfrage nach sexuellen Dienstleistungen, befürworten. Dieses Modell griff auch Schwester Mirjam Beike in ihrem abschließenden Plädoyer auf. Die Nachfrage sei der wahre Grund für Prostitution und Zwangsprostitution. „Wir müssen als Gesellschaft dazu nein sagen!“, forderte Beike. Dadurch werde sich die Prostitution sicher nicht komplett abschaffen lassen, aber es brauche hier dringend einen „gesellschaftlichen Wandel und ein deutliches Zeichen, dass wir als Gesellschaft dagegen sind“.

Text und Bilder: Simon Korbella

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